ICH LESE FÜR DICH

By | 11. Dezember 2020

Gefangene lesen für ihre Kinder. Projekt der sbh erfolgreich in der JVA Plötzensee angelaufen.

Die Idee stammt aus Großbritannien: im Jahr 2003 wurde im englischen Dartmoor-Gefängnis das Vorleseprojekt ’storybook dads‘  ins Leben gerufen: Gefangene lesen in der Vollzugsanstalt Geschichten für ihre Kinder ins Mikrofon.

Das Vorgelesene wird geschnitten, evtl. mit Musik unterlegt und auf eine CD überspielt, die der Mutter des Kindes übergeben wird. So können sich die Kinder von ihrem Papa z.B. Gute-Nacht-Geschichten vorlesen lassen, während er in Haft ist.

Die sbh hat ein solches Projekt nun erstmals in Berlin initiiert:

Die sozialpädagogische Abteilung der JVA Plötzensee (ein reines Männergefängnis) warb für die Teilnahme durch einen Flyer (s. Bild). Es meldeten sich schon nach kurzer Zeit fünf Gefangene im Alter von 29-54 Jahren.

WAS LESEN WIR?

In einem ersten Gruppenmeeting mit Projektleiter Matthias Hanselmann berichteten die Teilnehmer von ihrer jeweiligen familiären Situation, machten Vorschläge für die Themen der Vorlese-Geschichten und schilderten die Interessen der Kinder, für die sie lesen wollten. Drachengeschichten sollten es z.B. sein, die Tochter eines Teilnehmers ist Fan von ‚Lauras Stern‘-Büchern, der Sohn eines anderen steht auf Bauernhöfe, Pferde und Trecker. Matthias Hanselmann notierte sich alle Vorschläge und Wünsche und schlug hier und da von sich aus Themen oder Texte vor. Die Kinder, für die gelesen werden sollte, waren unterschiedlichen Alters von 3-14 Jahren. Es versteht sich, dass die zu lesenden Texte dem jeweilige Alter der Kinder gerecht werden müssen.

In der zweiten Phase des Projekts bekamen die Teilnehmer die von Matthias Hanselmann ausgesuchten Texte (meist Scans und Kopien aus Kinder- und Jugendbüchern) von Frau Zechert, einer Mitarbeiterin des sozialpädagogischen Dienstes der JVA, ausgehändigt und konnten beginnen, auf der Zelle das Vorlesen zu üben.

Es folgten erste Einzeltermine mit den Teilnehmern, bei denen noch einmal über die Texte gesprochen wurde. Die Teilnehmer lasen dem Projektleiter einige Stellen aus ihrem Text vor, so dass dieser sich einen Eindruck von den Lesefähigkeiten der Gefangenen machen konnte.

Beispiel: ein Teilnehmer hatte eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS), er wünschte sich, dass er möglichst viel Zeit zum Üben bekommt und wurde schließlich auch als letzter vor das Mikrofon gebeten, etwa 2 Wochen nachdem er den Text bekommen hatte. Ein anderer Teilnehmer stammt aus Syrien und hat große Schwierigkeiten beim Lesen von deutschen Texten. Für ihn suchte Hanselmann ein arabisches Märchen aus, das er für seine 11-jährige Tochter lesen sollte (‚Der Fischer und der Dschinn‘). Auch er bekam viel Zeit zum Üben des Textes.

ACHTUNG: AUFNAHME!

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Zum Aufzeichnen der Geschichten brachte Matthias Hanselmann entsprechendes Equipment mit in die JVA: ein Laptop, auf dem die Tonaufnahme-Software installiert ist, ein Mikrofon mit ‚Poppschutz‘, Kopfhörer für sich und die Teilnehmer.

Die JVA stellte einen geeigneten Raum zur Verfügung, der nicht zu sehr hallte und in dem die Teilnehmer während der Aufzeichnung mit Hanselmann alleine sein konnten. Eine solche Vorlese-Situation ist schließlich etwas sehr Persönliches!

Alle Teilnehmer waren zunächst nervös, es gab keinen, der schon einmal in ein Mikrofon gesprochen hatte. Hanselmann verstand es aber, den Teilnehmern die Aufregung zu nehmen, indem er ihnen u.a. vorführte, wie er Versprecher, Räusperer und Nebengeräusche so herausschneiden kann, dass man später nichts mehr davon hören würde. So mancher Satz oder Satzteil einer Geschichte wurde mehrmals aufgenommen, bis er schließlich ‚passte‘.

Es wurde auch viel gelacht während der Aufnahmen, was natürlich ebenfalls (meist) herausgeschnitten wurde.

Hanselmann gab den Teilnehmern viele Tipps: zum Sprechtempo, zur Betonung, zum Luftholen, zum Umgang mit der Lautstärke der Stimme, zur Sprachmelodie eines Satzes.

Alle Häftlinge gaben sich die größte Mühe. Jeder las Texte von etwas 10 bis 14 Minuten, eine Länge, welche für die Kinder als Vorlesezeit zu Hause angemessen ist.

GRÜSSE AN DIE KLEINEN. DIE STIMME ALS EMOTIONALE BRÜCKE ÜBER GEFÄNGNISMAUERN.

Zum Abschluss der Aufnahmen konnte jeder Teilnehmer noch persönliche Grüße an sein Kind richten. Diese Situation war die intimste im Aufnahme-Prozess, so mancher Teilnehmer bekam dabei einen Kloß im Hals. Wann würde man das Kind wiedersehen? Würden Mutter und Kind die Vorlese-CD akzeptieren? Würden die Geschichten gut ankommen? Viele Kinder sind professionelle Sprecher/Sprecherinnen von ihren CDs und DVDs gewohnt. Können sie etwas anfangen mit dem ungeübten, manchmal etwas holprigen Vorlese-Stil ihrer Väter?

Hanselmann berichtete hier von bereits erfolgreich laufenden ähnlichen Projekten. An der JVA Bremen gibt es das Vorleseprojekt schon seit einigen Jahren- hier gab es viel positive Resonanz der Kinder, für die es allein schon ein schönes Erlebnis ist, die Stimme des Vaters zu Hause zu haben.

DIE PRODUKTION

Matthias Hanselmann arbeitete anschließend in seinem Studio an den Aufnahmen. Je nach Lesefähigkeit der Teilnehmer dauerte die Schneidearbeit am Computer zwischen 2 bis 6 Stunden pro Lesebeitrag. Jeder Teilnehmer stellte sich nach einer kleinen Eröffnungsmusik selbst vor und sagte, welche Geschichte er lesen würde.

Las ein Teilnehmer mehrere kurze Texte, baute Hanselmann musikalische ‚Trenner‘ ein.

Schließlich wurden die Aufnahmen auf CDs überspielt.

Für die Gestaltung des Covers hatte Hanselmann die Erlaubnis bekommen, in der JVA zu fotografieren. Alle Gefangenen waren damit einverstanden und zierten schließlich in Vorlese-Pose das Cover ihrer CD.

Auf die Rückseite konnten sie noch einen schriftlichen Gruß an Kind und/oder Mutter schreiben.

SCHLUSS-MEETING

Zur Übergabe der CDs an die Teilnehmer gab es ein abschließendes Gruppen-Meeting. Die Teilnehmer waren damit einverstanden, dass ihre Aufnahme vor allen abgespielt wurde. Das Staunen war groß, dass kein einziger Versprecher mehr zu hören war! Geduldig und mit durchweg fairen Anmerkungen der Gruppe wurden die Geschichten angehört. Nicht ohne Stolz nahmen die Teilnehmer dann ihre jeweils 2 CDs in Empfang (eine für sich, eine zum Herausgeben an Kinder/Mütter/Verwandte). Diese wurden allerdings auch gleich wieder eingesammelt, da sie nicht mit auf die Zelle genommen werden dürfen. Der Teilnehmer meldet jeweils bei seinem Gruppenleiter, wenn Besuch kommt, zu diesem Termin wird dann die CD gebracht und übergeben.

FAZIT

Matthias Hanselmann berichtet, dass der Gewinn an Selbstvertrauen im Laufe des Projekts bei jedem Teilnehmer deutlich zu spüren war. Alle haben ihre ursprüngliche Scheu vor dem Mikrofon und der Aufnahmesituation überwunden und sich mit großem Einsatz dem Projekt gewidmet.

Nach einem gewissen Zeitraum (einige Wochen, nachdem alle CDs verteilt sind) wird es eine weiteres Meeting mit allen Teilnehmern geben, in denen sie über das jeweilige Feedback zu den Aufnahmen berichten können.

An der JVA Plötzensee will man das Projekt im kommenden Jahr fortführen.

Auch seitens der JVA Tegel wurde bereits großes Interesse bekundet.

 

Matthias Hanselmann

Langjähriger Moderator und Redakteur u.a. für Radio Eins und Deutschlandfunk Kultur.

Komponist, Texter, Songwriter und Produzent

www.matthiashanselmann.com